Hundehaltung

Themen:

Die geheimnisvolle Kommunikation der Hunde.
Tabuthema Aggression.
Dominanz immer noch ein kontroverses Thema?

 


 

Die geheimnisvolle Kommunikation der Hunde…

Als wir begannen uns mit der Körpersprache und Kommunikation der Hunde vertraut zu machen, fingen wir an, eine Fremdsprache zu lernen, nur dass sie großenteils nicht akustisch war. So wie es in der Inuit Sprache diverse Worte für „weiß“ gibt, oder bei den Völkern die in den tropischen Urwäldern dieser Welt leben, viele Worte für den Begriff „grün“ gibt, so gibt es bei den Hunden unendlich viele, sehr differenzierte Signale zur Vermeidung von Konflikten.

Und genau hier liegt der Grund unserer Faszination für diese Spezies, die seit vielen Jahrtausenden enger mit uns zusammenlebt, als irgendeine andere Art. Es ist ein Wunder: ein reiner Canivor mit riesigen Territorien entscheidet sich, mit uns ehemaligen Beutetieren, einen Familienverband zu gründen. Und sie fügen sich ein, passen sich den diversen Kulturen der Menschen an – als Beschützer, als Jagdhelfer und im Notfall auch als Nahrungsquelle.

Aus Respekt und Dankbarkeit sollten wir uns heute die Mühe machen, ihre Weltsicht zu kennen. Dies bedeutet: ganz genau hinsehen und hinhören! Aber ein Sinn wird uns verborgen bleiben und genau dieser Sinn ist beim Hund der Wichtigste. Es ist der Geruch. Über seine Nase kann der Hund eine Welt erschließen, die uns für immer uneinsichtig bleiben wird. Hunde wissen ganz genau, wann wer in welchem Zustand an einem bestimmten Ort war. Uns Menschen erschließt sich häufig nicht, warum die Welpe partout nicht auf die Straße will oder warum sich zwei Rüden, die sich noch nie gesehen haben, bei der ersten Begegnung direkt in einen Kommentkampf gehen. Häufig nehmen wir Menschen das intensive Schnüffeln und markieren als gegeben hin, ohne zu wissen, dass wir Konflikte begünstigen. Wenn ich z. B. einen stark territorial veranlagten Hund habe, ist es durchaus sinnvoll, dass er in der Nähe seiner Wohnung/Haus nicht markiert.

Der zweitwichtigste Sinn beim Hund ist das Auge. Wenn sich Hunde begegnen, versuchen sie sich über große Distanzen einzuschätzen. Es geht darum einzuschätzen, wie stark, fit und clever der Andere ist. Hier sind die Poseure gefragt. Wer sich quer stellt mit hoch erhobener Rute und Kopf und hohem Muskeltonus, versucht sein Gegenüber zu beeindrucken. Ist das Gegenüber aber souverän, sieht es für uns Menschen so aus, als würde der souveräne Hund den Anderen gar nicht wahrnehmen. Man kommt sich näher – nun geht es um Blicke. Und hier steigen wir Menschen auch wieder ein. Wird man von einem Fremden angestarrt oder beobachtet, so empfinden wir das meist unangenehm und respektlos. Genauso empfinden das auch unsere Hunde. Ein Hund der einen anderen Hund beim markieren anschaut. Ein Hund, der sich hinlegt und sein Gegenüber fixiert (häufig zu sehen bei Hütehunden aufgrund von genetischer Disposition)… das kann schon Aggressionen hervorrufen.

So und nun sind wir Menschen wieder voll im Spiel. Jetzt beginnen wir auf einmal mit der Kommunikation. Anstatt zu interpretieren, was dem vorausgegangen ist, versuchen wir uns zu rechtfertigen. Dann hört man häufig Sätze wie: „Der tut nix.“, „Der will nur spielen!“ oder „Die müssen sich doch mal Hallo sagen.“ Nach all unseren Seminaren zum Thema Leinenaggression und Körpersprache und Kommunikation steht für uns eines fest: Begegnungen an der Leine sind meist absolut kontraproduktiv. Sehr viele Hunde sind in dieser Situation überfordert oder übergriffig. Und das führt bei sensibleren Charakteren regelmäßig zu Leinenaggression. Darum heißt es: wenn mir ein angeleinter Hund entgegenkommt, leine ich meinen Hund an oder rufe ihn ran, wenn er zuverlässig ohne Leine bei Fuß geht. Denn ich habe im Hinterkopf: Es gibt unendlich viele Gründe, warum der mir entgegenkommende Hund keinen Kontakt haben soll: Die Hündin könnte läufig sein, der Hund könnte krank sein, uns kommt ein Mensch-Hund-Team im Training entgegen oder ein Hund hat sehr schlechte Erfahrungen gemacht und ist deshalb aggressiv.

Unserer Meinung nach, können wir in unserer dicht besiedelten und hoch technisierten Welt nur halbwegs gesund überstehen, wenn wir uns die deeskalierenden Strategien unserer Mitgeschöpfe aneignen. Seien Sie neugierig, schauen Sie ganz genau hin bei der Kommunikation zwischen Hunden. Denn sie leben in zwei Welten, in der menschlichen und in der Welt der Hunde und sind zu 99% erfolgreich, um in beiden Welten gesund zu leben. Wir finden das extrem spannend und wundervoll.

Tabelle Körperhaltung des Hundes

(Autorin: Christiane McCaughtrie, DOGS-Zentrum.de)

 


 

Tabuthema Aggression…

In der täglichen Praxis unserer Hundeschule erleben wir es häufig: ein Erstgespräch, ein Hausbesuch. Wenn neue Kunden das buchen, wissen wir genau das ein gewisser Leidensdruck dahinter steht. Denn nicht umsonst lädt man einen vollkommen Fremden in die eigenen vier Wände ein. Dafür gibt es sehr gute Gründe.

Und dann sind wir da, spüren das es irgendwie eine Art Feuerwehreinsatz ist… ohne zu wissen, wo es brennt. Wir versuchen eine Vertrauensbasis aufzubauen. Besprechen die Herkunft des Hundes, häusliche Strukturen, Tagesablauf… Mehr als eine Stunde sind wir im Gespräch. Spüren, dass irgendwas ungesagt ist. Und dann rollen die Tränen. Es geht um Scham, um Schuld, um Schuldzuweisungen. Die Vorbesitzer die zugunsten einer schnellen Vermittlung nicht alle Informationen über das Tier weitergegeben haben, man hat sich keine Gedanken über die rassetypische Eigenschaften des Hundes gemacht oder man ist trotz aller Vorsicht einem Massenvermehrer in die Falle gegangen… Und es geht in der Regel um Aggression. Der Hund knurrt über dem Futternapf, verhält sich aggressiv gegenüber Besuchern, Artgenossen. Oder gar den eigenen Kindern gegenüber. Das ist Alarmstufe rot. Eine furchtbare Situation für den Hundehalter.

Unsere Aufgabe ist es nun die Situation genau zu analysieren und für gegenseitiges Verständnis zu sorgen. Uns stellt sich immer als erstes die Frage: Warum meint der Hund aggressives Verhalten zeigen zu müssen? Denn im biologischen Sinne ist Aggression immer nur eine Option, wenn alle defensiven Strategien versagt haben. Der Hund steht mit dem Rücken an der Wand. Weiß sich nicht mehr anders zu helfen.

Viele Problemfelder stoßen an diesem Punkt aufeinander: Wir müssen uns darüber klar werden, dass wir den Haushund in den letzten 60 Jahren vom Nutztier zum universellen Sozial- und Freizeitpartner oder gar zum Statussymbol gemacht haben. Das ist eine Entwicklung, die in den letzten 20.000 Jahren der Domestizierung des Hundes niemals so schnell vorangeschritten ist. Tatsächlich leidet der Hund heutzutage an enormem psychosozialem Stress. Z. B. aufgrund von naturferner Umwelt, der enorm hohen Hundedichte und der Vermenschlichung. Hunde haben heute mehr Stressoren auszuhalten als jemals zuvor. Und genau an diesem Punkt begegnet uns die Aggression: im Übergang vom Verstand zum Instinkt. Instinkt bedeutet für uns die Fähigkeit zum Überleben. Aber auch die Besinnung auf ursprüngliche Werte.

Wir Menschen verstehen uns als Mittler, als Übersetzer zwischen der Welt – unserer hochtechnisierten Welt und unserer Herkunft in der Natur. Wir sind fest davon überzeugt, dass dieses Experiment – zum Vorteil von Mensch und Hund – gelingen kann. Also schauen wir ganz genau auf unsere Hunde, als eine Art Fieberthermometer unserer Zivilisation. Vielleicht können uns unsere Hunde an einem Punkt, an dem sie neurotisch und übermäßig aggressiv werden, daran erinnern, dass es wichtigere Lebensziele als höher, schneller, weiter gibt. Hunde sind mit uns in dieses Rattenrennen gegangen – sind viel enger mit uns verbunden als jedes andere domestizierte Tier. Jetzt ist es an uns Menschen, einmal inne zu halten und zu spüren, dass etwas schief läuft. Und auch an emotionale Grenzen zu kommen. Und genau an diesem Punkt bietet sich die Chance für einen Neubeginn. Vielleicht sind unsere Hunde unsere letzte Chance auf ein ganzheitliches, gesundes Lebensumfeld? Okay, das ist sicherlich ein bisschen zu dramatisch.

Aber es lohnt sich auf jeden Fall, sich faszinieren zu lassen von dieser Hunde-Subkultur. Sie leben in einem Parallel-Universum. In einer Art Parallelkultur zu unserer menschlichen. Und sie haben phantastische Konzepte. Dies sind vor allem sehr höfliche Umgangsformen. Sie kommunizieren indirekt, über Gerüche und optische Signale, um direkte Konflikte zu vermeiden. Erst wenn wir Menschen diese ganzen Deeskalationsstrategien unwissentlich übergehen kommt es zu offensiver Aggression von Hunden. Es ist unsere Verantwortung – lassen wir uns begeistern von diesen wundervollen Tieren, die uns so viel geben!

Hier noch ein paar praktische Tipps für den Ernstfall: Wichtig! Wo immer es geht – präventiv handeln.

Knurrt der Hund über dem Futternapf oder will den Knochen nicht abgeben?
Auf keinen Fall hineingreifen.

Der Hund hat sich in eine dunkle Ecke zurückgezogen und knurrt?
Ein Tier ist in einer solchen Situation häufig nicht mehr ansprechbar. Man sollte es auf jeden Fall zur Ruhe kommen lassen. Sollte es doch zum Zuschnappen kommen, möglichst nicht wegreißen. Und sehr wichtig: Mit einer Bissverletzung am Menschen: sofort zum Arzt. Denn auch eine zunächst kleine Verletzung kann zu schweren Infektionen führen.

Ein häufiges Problem: Aggression gegenüber anderen Hunden an der Leine
Erste-Hilfe-Maßnahmen – Verhalten vermeiden!
• Wo immer es geht: Ausweichen.
• Den Hund an die der „Gefahr“ abgewandte Seite nehmen. (Der Mensch als Puffer)
• Einen leichten Bogen laufen, so dass der Hund nicht frontal auf das Gegenüber zulaufen muss.
• Wenn möglich die Straßenseite wechseln. Ist dies nicht möglich, entspannt umdrehen.
• Panische Reaktion kann zu einer verstärkten aggressiven Reaktion des Hundes führen!

Sicherheitsmaßnahmen treffen:
Gewöhnung an einen Maulkorb
Bei aggressivem Verhalten gegenüber entgegen kommenden Artgenossen: Schutz der Hunde
Bei Frust durch die Einschränkung der Leine: Schutz des Halters

Den Hund ablenken – Vermeidung ist nicht immer möglich!
Für den Hund spannende Alternative als Ablenkung / z. B. Futter
Kleine Brocken, die nicht gekaut werden müssen.
Mehrere Stücke Futter in der Hand halten, nach und nach verfüttern.
Alternative: Futtertube

Diese Maßnahmen sind keine Problemlösung! Es sind lediglich „Erste-Hilfe-Maßnahmen“

Wichtig ist, sich im Falle eines aggressiven Verhalten einen qualifizierten Hundetrainer zu suchen, der mit Ihnen zusammen die Ursachen erforscht und erst dann ein Trainingskonzept vorschlagen und mit Ihnen gemeinsam umsetzen kann.

(Autorinnen: Christiane McCaughtrie & Astrid Stennei, DOGS-Zentrum.de)

 


 

Dominanz, immer noch ein kontroverses Thema?

Immer mal wieder hören wir als Hundetrainer Sätze wie: „Ich habe einen Welpen, der ziemlich dominant ist.“ Oder „Mein Rüde ist dominant. Den habe ich erstmal auf den Rücken gelegt.“ Oder: „Du musst deinen Hund nur mal anständig dominieren, dann folgt er schon.“ Oder gar Begriffe wie: „Alphawurf“ oder „Nackenschütteln“

Ganz ehrlich? Uns stehen dann regelmäßig die Haare zu Berge. Und Warum? Es kursieren immer noch recht archaische und lange überholte Weisheiten zum Thema Dominanz. Ganz ursprünglich gab es beim Militär eine unumbrüchliche Hierarchie, Befehlsgeber und Befehlsempfänger. Dies diente allein dazu menschliche Impulse wie die Tötungshemmung zu unterdrücken. Danach kamen Wissenschaftler. Da gab es erstmals Studien über die Rangordnung von Hummeln und weitere diverse Verhaltensforscher beobachteten unterschiedlichste Tierarten: zum Beispiel Studien aus den 1950er Jahren in dem das Verhalten von Hühnern von Thorleif Schjelderup-Ebbe (*12. November 1894 in Oslo; † 8. Juni 1976 in Oslo – norwegischer Zoologe) analysiert wurde, hier ist der Begriff der Hackordnung entstanden und fataler Weise auf das Verhalten von Hunde übertragen wurde. Zum anderen sind da die Studien des Schweizer Verhaltensforschers Rudolf Schenkel, der jahrelang das Verhalten der Wölfe im Basler Zoo beobachtete und seine Erkenntnisse 1944 veröffentlichte. Er beschreibt das Wolfsrudel als eine Gruppe mit einem dominanten Weibchen und einem dominanten Männchen, die er „Alphas“ nannte. Die dort beobachteten Wolfsgruppen waren wild zusammengewürfelt und hatten keine familiären Beziehungen und mussten sich deshalb aggressiv auseinandersetzten. Heute weiß man, dass natürliche Wolfsrudel aus Elterntieren, deren Welpen und den Welpen aus dem Vorjahr bestehen. In dieser natürlichen Konstellation gibt es keine Hierarchien, sondern nur Eltern mit Kindern. Wobei die Eltern in der Regel sehr, sehr nachsichtig sind, weil ihr Bestreben nur darin besteht, dass möglichst viele Welpen überleben und zu erfolgreichen Jägern werden.

Was also ist Dominanz tatsächlich? Dominanz bedeutet ganz schlicht:
-Wer bewegt wen in einer bestimmten Situation-

Und das ist alles. Das klingt banal – ist aber hochkomplex und uns Menschen oft gar nicht bewusst. Im Alltag sind es Dialoge wie: „Entschuldigung, darf ich mal durch?“- „Ja, klar gerne.“ ein gutes Beispiel: Alle sind sehr höflich und haben ein gutes Gefühl. Befremdlich empfinden wir in einer solchen Situation Mitmenschen die sich verweigern und sperren. Dominanz ist kein Wettstreit um Sieg und Niederlage. Dominat ist nicht der körperlich Stärkste oder der, der am lautesten schreit, sondern meistens eher der Cleverste. Und der, der dafür sorgt, dass sich alle an der Situation Beteiligten wohl fühlen. Dominanz ist vielmehr Ballett als Faustkampf. Und ganz wichtig: Derjenige, der heute dominant ist und beispielsweise eine Gruppe führt kann sich morgen in einer Situation, die ihm nicht vertraut ist, von einem anderen führen und dominieren lassen.

Es gibt also keine einfachen, starren Regeln, die dazu führen das jemand dominant in einem sozialen Gefüge ist.

Kein: „der Mensch geht als Erstes durch die Tür.“, Kein: „Der Mensch liegt stets höher als der Hund,“ und kein „der Mensch isst immer bevor der Hund sein Futter bekommt.“ Die Wahrheit ist viel differenzierter und braucht Erfahrung, Empathie und heitere Gelassenheit.
Es gilt: Heute bin ich Lehrer und morgen bin ich Lernender. Und ich liebe beides! Oder umgekehrt:
Ein Zitat von Mahatma Gandhi:
„Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten“.
Und das kann doch nicht unser Weg sein.

(Autorinnen: Christiane McCaughtrie & Astrid Stennei, DOGS-Zentrum.de)